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Ernte im Blick - Kurzfristige Unsicherheit


Interview mit Jens Ripken, Leiter des Bereichs Agrarerzeugnisse der AGRAVIS Raiffeisen AG

Die aktuellen Ernteaussichten indizieren eine eher unterdurchschnittliche Ernte, die Preisentwicklung ist nur schwer einzuschätzen, denn der schwächelnde Euro wirkt sich zurzeit direkt auf die Notierungen aus.

Für Jens Ripken, Leiter des Bereichs Agrarerzeugnisse bei der AGRAVIS Raiffeisen AG, eine Herausforderung, die mit viel Know-how im Getreidehandel gemanagt werden muss. Weitere Einschätzungen zur bevorstehenden Getreideernte gibt Ripken im Interview.

Die Ernte 2010 steht bevor. Mit welchen Erwartungen bzw. Ernteschätzungen plant die AGRAVIS Raiffeisen AG?

Ripken: Die teilweise ergiebigen Niederschläge Ende Mai und Anfang Juni haben unserer Meinung nach die Einschätzung wieder positiver werden lassen. Aktuell jedoch ist der Euro wieder stärker und die Tropentemperaturen der vergangenen Tage werden sicherlich Ertragseinbußen bewirken.

Gibt es dennoch regionale Unterschiede im AGRAVIS-Arbeitsgebiet?

Ripken: Die Entwicklung in den getreiderelevanten Gebieten ist unterschiedlich und eine homogene Bewertung der Bestände ist schwierig. In Süddeutschland scheint alles gut zu verlaufen, im Norden hätte es optimaler laufen können.

Wie bewerten Sie die Ernteerwartung trotz eines leichten Rückgangs der Anbaufläche?

Ripken: Die aktuellen Flächenschätzungen gehen von einem minus von ca. 3 Prozent aus. Das ist verkraftbar, wenn die Ernte tatsächlich in durchschnittlicher Größenordung eingebracht wird. Andersherum ist aber auch wichtig, in den kommenden Jahren die Getreidefläche nicht weiter einzuschränken. In diesem Jahr werden wir 10 bis 20 Prozent unter dem Vorjahr liegen. Die Trockenheit wird der Gerste nicht mehr viele Schäden beifügen können, die anderen Früchte benötigen jedoch dringend bessere Wachstumsbedingungen.

In welchen Preisregionen wird die neue Ernte gehandelt – was ist zu erwarten?

Ripken: Bei den beschriebenen Ernteprognosen spielen für das neue Getreidewirtschaftsjahr vor allem das Währungsverhältnis zwischen Dollar und Euro und die weltweite Nachfrage-Entwicklung eine entscheidende, nur schwer einzuschätzende Rolle. Ein schwacher Euro ist für EU-Getreideexporte förderlich. Darüber hinaus wird der Getreidepreis aber von verschiedensten global wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst. Zur Beurteilung der Getreidemärkte ist daher nicht nur Know-how im Getreidehandel gefragt. Interessant ist jedoch, dass die weltweiten Getreidebestände nicht mehr weiter aufgebaut werden.

Wie stellt sich denn die aktuelle Situation dar – wurde schon viel auf die neue Ernte gehandelt?

Ripken: Bei Raps hat die Landwirtschaft bereits Vermarktungsrisiken reduziert, hier sind bereits mehr als 50 Prozent der zu erwartenden neuen Ernte vermarktet. Ganz anders sieht es beim Getreide aus – hier sind es zurzeit kaum 20 Prozent. Die Landwirtschaft hält sich zurück, die Industrie benötigt noch Mengen, hält sich aber auch zurück. Von daher ist die spannende Frage zurzeit, wer hat den längeren Atem? Den längeren Hebel wird zunächst sicherlich die Landwirtschaft haben, aber ob das bei gleichbleibender Faktenlage im Spätherbst noch so ist, darf bezweifelt werden. Wer den Dollar richtig einschätzt, der wird auch bei der Preisentwicklung in den Getreidemärkten einen Treffer landen.

Stichwort Biogas – wie wirkt sich die starke Zunahme von Biogasanlagen auf den Getreidehandel aus?

Ripken: Im Gebiet der AGRAVIS wird den Veredlungsgebieten noch mehr überregionales Getreide zugeführt werden müssen als bisher und Futtergetreidequalitäten werden vermutlich mit geringeren Abschlägen gehandelt. Für den Landbesitzer sind das erfreuliche Entwicklungen. Der regionale Bedarf steigt, international steigt er ebenfalls. Dies sind die ersten kleinen Vorboten dafür, dass der Wettbewerb um das Getreide begonnen hat. Nicht umsonst investieren viele große Unternehmen in die Getreideproduktion in Zentraleuropa und Südamerika. China und Indien forcieren dies sogar staatlich gelenkt. Der steigende Bedarf könnte zunächst aber durch bessere Erträge bedient werden. Jedoch steigt dadurch die Abhängigkeit von guten Ernten mit dem Ergebnis, dass das Potenzial von immenser Volatilität extrem zunimmt.

Wiederholt sich das Jahr 2007?

Ripken: Das kann heute keiner vorhersagen, aber die Botschaft ist, dass durch die zuletzt eher geringere Volatilität das Thema Risikomanagement hier und da aus dem Blickwinkel verloren gegangen ist. Eine schlechte Ernte irgendwo auf unserem Planeten und die Gefechtslage an den Agrarmärkten werden sich vollständig ändern. Daher ist es immer wichtig, Risikomanagement aktiv zu betreiben.

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